Was wollen wir? Ich für meinen Teil kann die Frage leicht beantworten, und ich nehme auch stark an, dass meine Antwort mit der aller anderen recht viel Übereinstimmung hat. Ich würde sogar soweit gehen, dass (fast) alle Menschen diese Grundüberzeugung teilen - obwohl die meisten von denen wiederum von allen aus dem jeweils gegenüberliegenden politischen Lager annehmen. dass sie genau DAS nicht wollen, sondern ausbeuterische Turbokapitalisten, oder anti-demokratische Kasernenkommunisten sind. Glück, Sicherheit, Wohlstand, Gerechtigkeit und Freiheit für alle Menschen. Glück hat nichts mit Politik zu tun. Auch im Gefaengnis kann man glücklich sein, auch im Swimmingpool haben sich schon unglückliche Neureiche ertraenkt. Glück ist nur biologisch erklaerbar - da kann der Staat hoechstens Pillen verteilen um die Menschen "glücklicher" zu machen. In allen anderen Belangen kann die Politik aber sehr wohl etwas erreichen. Kluge Aussen- und Innenpolitik kann und soll es schaffen, seinen Bürgern Sicherheit und Wohlstand zu bringen und diese gerecht zu verteilen - und das in einem Rahmen, in dem die Menschen so frei sind wie es geht ohne die Freiheit anderer einzuschraenken. Leider folgt auf das Erkennen dessen, was wir erreichen wollen, zugleich die Ernüchterung darüber, was wir erreichen koennen. JEDEN EINZELNEN "glücklich" zu machen, das kann Politik nicht leisten - nach meinem Verstaendnis braucht sie das aber auch gar nicht. Daneben gibt es in einer Gesellschaft immer einen Grundkonsens, der für einige aus ihrer Sicht unvorteilhaft ist. Dazu gehoert die Einschraenkung der Freiheit an den Stellen, an denen die Freiheit anderer gefaehrdet ist oder zunichte gemacht wird. Sowohl ein Kannibale, als auch ein Kleptomane koennen ihre Freiheit in einer vernünftigen Gesellschaft leider nicht ausleben, da der gesellschaftliche Konsens darin besteht, des anderen Freiheiten nicht über Gebühr zu belasten. Ebenso ein Grundkonsens ist es, dass die Menschen bereit sind, zu arbeiten - das heisst aber auch, dass sie diejenigen, die NICHT bereit sind, zu arbeiten, zwingen müssen, dem Gesellschaftskonsens zuzustimmen. So sehr ich all jene verstehen kann, die "Arbeit ist scheisse" brüllen, der Gesellschaftskonsens verbietet es, das über Gebühr zuzulassen. Die zweite Fragestellung, die sich aus diesen Zusammenhaengen ergibt, ist: WO STEHEN WIR? In meinen Augen steht es ganz gut mit den Forderungen nach Sicherheit, Wohlstand, Gerechtigkeit und Freiheit in unserer Gesellschaft. Ein Blick in die Geschichte hilft weiter: noch vor 50 Jahren sah die Welt gar nicht so anders aus als jetzt, einen gravierenden Unterschied gab es aber doch, und der betraf den "Wohlstand", zwar sah es nicht schlecht aus in Deutschland oder den USA, aber die Menschen arbeiteten sehr hart und sehr lange, um nur wenig Freizeit zu geniessen und kleinen Wohnraum zu haben mit nur wenigen Artikeln des persoenlichen Luxus. die Versorgung mit substanziellen Konsumgütern war zwar sichergestellt, aber darüber hinaus gab es nur wenig, das Freude machte. Und noch vor 500 Jahren sah die Welt ganz anders aus, Frieden war eine Illusion in Europa, es mangelte an Wohlstand, und die Ungerechtigkeit war selten groesser als in dieser Zeit. In "Freiheit" lebten damals allenfalls die Herrscher - für die Beherrschten war Leibeigenschaft und Terror Realitaet. Vor 5000 Jahren gab es weder Sicherheit, noch Freiheit, noch Gerechtigkeit, allenfalls der Wohlstand fing an in den ersten Hochkulturen nie da gewesene Blüten zu treiben. Wie man sieht, braucht die heutige Zeit den Vergleich zu vergangenen Zeiten nicht zu scheuen. Und auch gegenüber der "Systemalternative" zeichnet sich kein schlechtes Bild: "Wohlstand" hiess Existenzsicherung, allenfalls in der DDR ging es etwas darüber hinaus, von persoenlichem "Luxus"' konnte trotzdem allenfalls getraeumt werden. "Freiheit" war nicht mal eine Illusion, sondern schlicht nicht vorhanden, und "Gerechtigkeit" kann es nur da geben, wo es Freiheit gibt, diese zu leben, und Wohlstand, der gerecht zu verteilen ist. Wir leben also in einem Land, in dem wir bei nie da gewesenem Wohlstandniveau WENIGER arbeiten müssen als je zuvor, MEHR Urlaub haben als je zuvor, für unsere Sicherheit gesorgt ist, wir in Freiheit leben, und auch in relativer Gerechtigkeit. Auch weltweit stehen wir gut da: waehrend die Weltbevoelkerung sich immerfort verdoppelte und mittlerweile bei 6,3 Mrd. angelangt ist, ist die Zahl der wirklich Armen, und der der wirklich Hungernden stabil zu halten und sogar zu senken - der prozentuale Anteil ist also rapide gesunken. Nicht anders verhaelt es sich bei der Analphabetenrate, und der Geburtenkontrolle. Das heisst nicht, dass wir in einer perfekten Welt leben, allein der umstand, DASS es Armut gibt, beweist das Gegenteil. Die liberale Marktwirtschaft funktioniert, und zwar anscheinend besser als alles andere je zuvor, und die soziale Marktwirtschaft in Deutschland hat es geschafft, ihr Stabilitaet und Gerechtigkeit überzustülpen. Aus den Chancen, und Problemen ergibt sich die Handlungsanleitung: WAS IST ZU TUN? Kapitalismus funktioniert - er erzeugt aber per se Ungerechtigkeiten, und er führt nicht zwangslaeufig zu mehr Wohlstand oder mehr Sicherheit. Die Zustaende Englands im Zeitalter der frühen Industrialisierung und des "Manchester-Kapitalismus" sprechen eine deutliche Sprache. Lebenserwartungen von 23 Jahren sind kein Wohlstand, Verreckende auf den Strassen und Grossindustrielle in ihren Palaesten keine Gerechtigkeit. und von "Freiheit" kann man bei den Fabrikarbeitern auch kaum reden. Doch die Demokratie hat es geschafft, dem System der Marktwirtschaft, das alle bisherigen an Produktivitaet so sehr übertraf, Gerechtigkeit und Freiheit überzustülpen und die Produktivitaet in Wohlstand für alle umzusetzen - indem sie die Macht denjenigen übergab, die die Verluste des Systems zu tragen hatten und gleichzeitig an den Gewinnen partizipieren konnten. Genau wie man den grossen Staatenkrieg in Europa in den 50er Jahren gebaendigt hatte, so hatte man zur gleichen Zeit den Kapitalismus gebaendigt. Und genau das bleibt noch überall dort zu tun, wo er ungebaendigt und ungelenkt von statten geht. Marktwirtschaft braucht Rahmen und Vorgaben, DANN dient sie dem Wohle der Menschen. Die Chancen, die die Globalisierung ergibt sind, riesig - sie bedeuten nichts anderes als den Wohlstand der westlichen Staaten für die ganze Welt - aber sie koennen nur dann greifen, wenn diejenigen, die die Verluste zu tragen haben, Herr über die Gewinne werden. Auch in vielen anderen Bereichen gibt es etwas zu tun: Umwelt, Technik, Gesellschaft - überall warten Herausforderungen. Gepackt werden koennen die aber nur von einer modernen Gesellschaft, die bereit ist, die Probleme zu erkennen und die Herausforderungen anzunehmen. Und so bleiben zum Schluss die Forderungen für Deutschland: Die soziale Marktwirtschaft in Deutschland, die seit den 60ern das Modell für die anderen kontinental-europaeischen Marktwirtschaften ist, hatte das Vermoegen das wirtschaftswunder der 50er und 60er zu schaffen. Es war das Modell Ludwig Erhards, und es war zugeschnitten auf seine Zeit. Aber wir stecken nicht mehr in der spaeten Industriegesellschaft der 50er und 60er Jahre, sondern in der Wissensgesellschaft des neuen Jahrhunderts und inmitten einer neuen Welle der Globalisierung, die in nie da gewesener Vehemenz den Globus überzieht. Die soziale Marktwirtschaft schafft nicht mehr "Wohlstand für alle", sondern blockiert in der heutigen Form den Fortschritt zu den Chancen der Globalisierung und der Führerschaft in der Wissensgesellschaft. sie erzeugt Arbeitslosigkeit und Stagnation, weil die gewachsenen Systeme verkrustet und veraltet sind und nicht mehr der heutigen Zeit entsprechen. Bildungs-, Renten- und Sozialsysteme sind erstarrt und nicht geschaffen für ein neues Wirtschaftswunder, sondern für eine vergangene Zeit. Die soziale Marktwirtschaft in der heutigen Zeit kaempft nicht mehr gegen Arbeitslosigkeit, sondern gegen Arbeitslose. die Gewerkschaften verteidigen die Privilegien der Arbeitsplatzinhaber gegen die Bedürfnisse der Arbeitslosen. Das Beschaeftigungsmodell ist ein Modell der spaeten Industriegesellschaft, es ist zugeschnitten auf die lebenslange Arbeit in einem Unternehmen, und auf eine Zeit als die USA und Europa auf dem Weltmarkt der Industriegüter unter sich waren. Aber genau das entspricht nicht mehr der Realitaet, und wird der Realitaet der Zukunft noch viel staerker widersprechen. Die Kennzeichen des erhardschen Systems sind hohe und staendig steigende Loehne - die deutsche Industrie zahlt heute die HoeCHSTEN Stundenloehne der Welt. Nichts desto trotz sind die Lohnstückkosten sehr konkurrenzfaehig - aber genau da liegt das Problem - überall wo automatisiert werden kann wird automatisiert, dort wo ins Ausland verlagert werden kann wird ins Ausland verlagert. die deutsche Industrie ist heute die am meisten automatisierte der Welt. die Lohnpolitik der IG-Metall schafft arbeit für Roboter und nimmt sie den Menschen. Die Loehne sind nicht nur hoch, sondern auch noch moeglichst überall GLEICH hoch, ob ein Arbeitnehmer in einer aufstrebenden Industrie oder einem absteigenden Unternehmen beschaeftigt ist, ob das Unternehmen hochprofitabel ist oder um seine Existenz ringt: überall gibt es den gleichen Tariflohn. Daneben naeherten sich die Loehne für ungelernte Arbeiten immer mehr denen von Facharbeitern an, mit der Folge, dass ungelernte Arbeit schlicht unproduktiv geworden ist, die Loehne sind hoeher als der Ertrag, mit der Folge, dass es kaum ungelernte Arbeit für Ungelernte gibt. Und darüber hinaus sorgt ein extremer Kündigunkschutz dafür, dass bei einem Einbruch des Geschaefts Mitarbeiter nur noch unter hoechsten Kosten - oder gar nicht - entlassen werden koennen. Mit katastrophalen Folgen für das Unternehmen. Grossunternehmen koennen mit dieser Realitaet durchaus leben, sie koennen die Moeglichkeiten der Automatisierung und der Verlagerung ins Ausland nutzen - aber die Leidtragenden sind diejenigen, die für die Arbeitsplaetze und den Wirtschaftsaufschwung zustaendig sind, die kleinen und mittelstaendischem Betriebe, und die Dienstleister. Diese unternehmen brauchen einen voellig anderen Arbeitsmarkt zum Leben und Überleben. Sie brauchen flexible Arbeitszeiten, niedrige Loehne für einfache Taetigkeiten, einen gelockerten Kündigungsschutz. Das bestehende Arbeitsmarktsystem blockiert das entstehen neuer Arbeitsplaetze - wer einmal draussen ist, bleibt draussen. Das Ziel ist nicht, das deutsche System dem amerikanischen anzugleichen, denn das hat voellig eigene Probleme, die sich vor allem in extremen Ungleichheiten und einem riesigen Leistungsbilanzdefizit aeussern, sondern das Ziel ist es die deutsche soziale Marktwirtschaft auf neue, stabile Füsse zu stellen, und Deutschland fit zu machen für die Chancen der Globalisierung und der Wissensgesellschaft. denn das bedeutet mehr Wohlstand, mehr Sicherheit und mehr Gerechtigkeit und zwar in Freiheit.
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